Von der Naivität

Martin Rummel's picture
published by Martin Rummel
on June 23, 2014

Daniel Barenboims neues Digital-Label "Peral Music" wird mit großem Getöse angekündigt, und neulich erreichte mich ein Newsletter, der mit dem Titel "How to Listen" als Betreff versehen war. Remi Franck vom luxemburgischen "Pizzicato"-Onlinemagazin hat schon im Mai eine sehr kluge Kurzanalyse dieses Kuriosums geliefert. Aus der Sicht eines aufmerksamen Musikhörers und auch eines Labelmachers kann ich nun auch meine Verwunderung nicht mehr ganz verbergen.

 

Abgesehen von dem ganzen Personenkult um Barenboim inklusive des Tricks mit dem Labelnamen ("peral" bedeutet Birnbaum bedeutet Barenboim) möchte ich als Kunde nicht mit erhobenem Zeigefinger und oberlehrerhaft instruiert werden, wie man richtig zuhört, schon gar nicht per Newsletter oder per Video. Solche Tutorials verfolge ich für Softwarebenützung, aber nicht zum Musikhören. Wenn überhaupt, möchte ich die Begeisterung über die Aufnahme vermittelt bekommen, oder ganz einfach nur über das Ganze informiert werden, um mir selber einen Eindruck zu machen. Die Begeisterung wäre aus meiner Sicht eigentlich der schönste Aufhänger. Davon ist hier wenig zu spüren, vielmehr wird mir vermittelt, dass ich in den letzten dreißig Jahren meines Musikhörens ja sowieso keine Ahnung gehabt hätte, was und vor allem wie ich da höre. Nun ... immerhin hat das "Introducing Peral Music"-Video auf YouTube (Link anbei) zum heutigen Tage heiße 38 Aufrufe gehabt, von Begeisterung also keine Spur.

 

Und das bringt mich zur Verwunderung über die Naivität: Seit Jahren reden alle Independentlabels miteinander über den Digitalmarkt und über seine Verkaufs- und Umsatzzahlen. Wir wissen, dass Streamingdienste wie Spotify de facto Gratisplattformen sind, und der wegweisende und brancheninnovative Klaus Heymann propagiert beinahe seit Jahrzehnten, dass man im Digitalbereich nur durch Breite und durch einen möglichst großen Katalog nennenswerte Umsätze erzielen kann (was er selbst für Naxos ja am erfolgreichsten vorlebt). Hier nun kommt ein Label, das sich auf iTunes alleine beschränkt und bisher in drei Monaten lediglich drei Bruckner-Symphonien herausgebracht hat; eine in Wahrheit, bei aller musikalischen Wertschätzung für Maestro Barenboim, vollkommen redundante Aufnahme.

 

In einer der zahlreichen Presseaussendungen war als innovatives Konzept davon zu reden, dass "berühmte Musiker" hier nun auch "pädagogische Werke" einspielen sollten. Ein Blick in die bestehenden Kataloge zeigt, dass es das auch längst gibt: Takako Nishizaki mit den Suzuki-CDs bei Naxos, Itzhak Perlmans "Concertos from my childhood", und irgendwo hintendran darf ich mich auch selbst ganz bescheiden einreihen mit neun CDs der gesamten wesentlichen Celloetüden. Das Konzept ist also wahrlich nicht neu, und jeder, der eine solche Aufnahme gemacht hat, weiß, dass man das nicht nebenbei zwischen 120 Konzerten im Jahr machen kann. Denn dann geht es am Zweck vorbei, den Schülern zu zeigen, wie gut solche Übungsstücke klingen können, wenn sie mit demselben Eifer durchdrungen werden wie eine Beethoven-Sonate. An ihnen nämlich soll man - neben den technischen Fertigkeiten - eigentlich lernen, wie man mit den großen Werken umgehen wird. Solche Aufnahmen sind ein zeitliches und künstlerisches Investment, das man bewusst machen muss, und ich kenne nicht viele Musiker, die dazu Zeit und Geduld aufbringen wollen und können.

 

Umsatzmäßig gibt es Analysen, dass eine Klassik-Aufnahme im Jahr im Durchschnitt ein paar hundert Dollar Digitalumsatz macht, wenn sie nicht durch irgendeinen Zufall der digitale Superhit wird. Bei 38 YouTube-Aufrufen wage ich das aber zumindest für die bisher vorliegenden Bruckner-Symphonien sanft anzuzweifeln, und dass Daniel Barenboim die Czernysche "Schule der Geläufigkeit" einspielen wird, glaube ich dann doch nicht. Von einem Digitaldollar bleiben Peral dann etwa 65 Cent (inklusive Mehrwertsteuer), das heißt, bei einem Album in etwa 5 Dollar netto. Allein das Video hat sicher schon vierstellige Dollarsummen gekostet, von der Aufnahme ganz zu schweigen. Um kommerziell erfolgreich zu sein, muss man also zehntausende Downloads dieses Albums erhoffen, damit alle Kosten der Aufnahme wieder gedeckt sind. Nicht einmal das Neujahrskonzert der Wiener Philharmoniker schaft das aber. Und damit noch nicht genug: Die immer wichtiger werdenden Rundfunktantiemen werden Peral Music auch versagt werden, denn die allergrößte Mehrheit der weltweiten Radiostationen spielt nur physische Tonträger, keine reinen digitalen Files (in Deutschland und Österreich schon alleine deswegen, weil da kein LC=LabelCode im Spiel ist). Alles in allem ist da entweder SEHR viel Geld im Spiel, das man verbraten darf, ohne es je wiederzusehen, oder eben ganz einfach das, was Remi Franck schon im Mai festgestellt hat: Naivität. Ich werde - bei aller Wertschätzung für die Musik, die da gemacht wird - sicher kein Kunde.