Kulturschock, die Zweite

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published by Martin Rummel
on February 17, 2015
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Vor ungefähr vier Jahren, angespornt durch ein wirklich beeindruckendes „Grabstein-Doktorat“ (wie meine Mutter es genannt hätte) eines guten Freundes, habe ich mich für den PhD-Studiengang der Universität für Musik und Darstellende Kunst in Wien beworben. Meine damalige eigene Stelle an der University of Auckland entsprach der eines „Univ.-Prof.“ in Österreich, daher glaubte ich zu wissen, was mich erwartete: Uns in Neuseeland wurde jeder Doktoratskandidat von der Uni-Leitung als VIP ans Herz gelegt. Nicht nur, dass die University of Auckland für jeden verliehenen PhD- oder DMA-Titel eine staatliche Prämie bekommt, ist der Doktorand auch jener Student, der die höchsten Gebühren zahlt. Als Professor habe ich dort zahllose Stunden mit der Betreuung von Studenten bei ihren wissenschaftlichen Arbeiten verbracht und bei der Vorbereitung und Zusammenarbeit durchaus über Dinge recherchiert und gelernt, die ich vorher nicht wusste. Ich fand das eine sehr inspirierende und beglückende Seite der Unterrichtstätigkeit.

 

Weit gefehlt, wenn ich an die Koryphäe denke, die mir als „Doktorvater“ hier in Wien zugewiesen wurde. Mein Plan war (und ist immer noch, nur eben nicht als PhD-Thesis), ein Buch zu schreiben, das mein jahrelanges Celloetüdenprojekt in ein Kompendium zusammenfasst. Ein Überblick von Cellotechnik und Spielpraxis vom 18. bis ins 20. Jahrhundert sowohl mit Biographien und Informationen über die Verfasser der wesentlichen Etüdenwerke als auch über die Auswirkungen ihrer Sammlungen auf die Spieltechnik unseres Instruments. Ich habe also mit großer Motivation – aber ohne jede akademische Hilfe – eine Einreichung mit einem Exzerpt verfasst und wurde gnadenhalber zum Studium zugelassen.

 

Die ganze „Betreuung“ über zwei Jahre bestand darin, dass der prominente Herr Kollege, der insbesondere durch unlesbar blasierte Werkeinführungen für einen noch prominenteren lokalen Konzertveranstalter in Erscheinung tritt, einmal monatlich in einem Seminarraum Hof hielt. Dort kamen dann acht Doktoranden zusammen (darunter mindestens zwei Hochschulprofessoren!) und hatten über den Stand ihrer Arbeit zu berichten. Der große Zampano kam unvorbereitet zu diesen Veranstaltungen, hatte – zumindest von meinem Geschreibe – auch nie nur eine Zeile gelesen (etwa 60 Seiten habe ich in der Zeit geschrieben) und gab vermeintlich kluge Ratschläge; pro Kandidat etwa zehn Minuten. Das war’s. Ein Einzelgespräch oder auch nur ein einziges persönliches Email hat es nie gegeben; geschweige denn, eine Auseinandersetzung mit meinem Thema.

 

Ganz sicher liegt es wohl an meinem mangelnden Enthusiasmus für die Sache, dass ich an dieser Art Studium dann doch die Lust verloren habe. Die Inskriptionsfrist für das Sommersemester 2014 habe ich verstreichen lassen, ohne mich wieder anzumelden. Weder die Institution noch der „Doktorvater“ haben auch nur einmal nachgefragt, warum – persönlichen Eins-zu-eins-Kontakt gab es sowieso nie, seit dem allerersten und einzigen „Aufnahmegespräch“, bevor ich überhaupt das Exzerpt verfasst habe. Ich war und bin sowohl dem Professor als auch der Institution, um es blank auszusprechen, wurscht.

 

In Auckland hätte ich eine Dienstaufsichtsbeschwerde bekommen, wenn ich mich einem Doktoranden gegenüber so benommen hätte. Jegliche Diskussion über das, was an den Universitäten passiert, muss man sich hierzulande meiner Meinung nach gefallen lassen, wenn das der Standard ist. Tu felix Austria? Tu Austria paupercula!

 

p.s.: Das Buch werde ich natürlich trotzdem irgendwann schreiben, wenn ich Zeit dazu habe. Von der Uni hatte ich mir halt einen gewisse Begleitung erhofft, die mir die nötige Konsequenz abtrotzt, um von Konzerten und paladino regelmäßig ein paar Stunden abzuzweigen, von fachlicher Kompetenz und Interesse zu schweigen.